Gedächtnispalast: So funktioniert die Loci-Methode

Der Gedächtnispalast hilft bei geordneten Listen. Was Studien zeigen, wie du ihn baust und wobei die Loci-Methode nicht hilft.

6 Min. LesezeitLernforschung

Morgen hältst du einen zehnminütigen Vortrag ohne Notizen. Acht Punkte, in fester Reihenfolge. Jeden einzelnen kennst du. Deine Sorge ist nur, nach Punkt drei vor allen zu stehen und nicht mehr zu wissen, was als Nächstes kommt.

Für genau dieses Problem wurde der Gedächtnispalast gemacht.

Bei einem Gedächtnispalast, auch Loci-Methode genannt, stellst du dir einen vertrauten Ort vor und legst für jedes Element ein lebhaftes Bild an einer Station eines Weges ab. Zum Erinnern gehst du den Weg im Kopf ab. Studien zeigen, dass dies zuverlässig bei geordneten Listen hilft. Die Methode ruft aber nur ab, was du schon verstehst. Sie erzeugt kein Verständnis.

So funktioniert die Methode

„Loci“ ist Latein für Orte. Die Methode ist alt. Der Überlieferung nach geht sie auf den griechischen Dichter Simonides vor ungefähr 2.500 Jahren zurück und wird bis heute ähnlich genutzt:

  1. Wähl einen vertrauten Ort, etwa deine Wohnung oder den Weg zur Uni.
  2. Leg einen festen Weg fest, dessen Stationen immer dieselbe Reihenfolge haben: Haustür, Garderobe, Küchentisch.
  3. Mach aus jedem Element ein Bild und lass es an einer Station etwas Merkwürdiges tun.
  4. Geh zum Abrufen den Weg im Kopf ab. Jede Station erinnert dich an das dort abgelegte Bild.

Der Weg liefert die Reihenfolge. Du musst nicht wissen, was nach Punkt drei kommt. Du gehst einfach zur nächsten Station.

Was die Forschung zeigt

Gedächtnissportler nutzen sie. Maguire und Kollegen (2003) untersuchten zehn Menschen mit außergewöhnlichem Gedächtnis, überwiegend Teilnehmende der Gedächtnisweltmeisterschaft. Weder höhere Intelligenz noch eine ungewöhnliche Hirnstruktur erklärte ihre Leistung. Gemeinsam war ihnen eine räumliche Strategie: Neun von zehn nutzten die Loci-Methode bei einigen oder allen Aufgaben.

Gewöhnliche Menschen können sie lernen. In einer Trainingsstudie wurden 51 junge Männer ohne Erfahrung mit Mnemotechniken in drei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe übte die Loci-Methode über 40 Tage täglich 30 Minuten, insgesamt ungefähr 20 Stunden. Bei einer Liste mit 72 Wörtern stieg ihr Abruf von ungefähr 26 auf 62 Wörter. Gruppen mit Arbeitsgedächtnistraining oder ohne Training verbesserten sich viel weniger. Vier Monate später lag die Loci-Gruppe noch mehr als 22 Wörter über ihrem Ausgangswert (Dresler et al., 2017).

Der Effekt zeigt sich über mehrere Studien. Eine Metaanalyse von 13 randomisierten Studien, meist mit Studierenden, fand einen mittelgroßen Vorteil (Hedges' g = 0,65). Die Autoren warnten zugleich vor hohem Verzerrungsrisiko, weil die meisten Studien nicht erklärten, wie Personen zufällig zugeteilt wurden (Twomey & Kroneisen, 2021).

Wo sie hilft und wo nicht

Der Großteil der Belege stammt aus Wortlisten. Eine Übersicht zu Mnemotechniken im Bildungsbereich kam zu dem Schluss, dass die Loci-Methode sehr gut für Listen konkreter Dinge ist, besonders wenn die Reihenfolge wichtig ist. Solche Listen brauchen Studierende aber selten. Für komplexe Inhalte wie Fließtexte, Vorlesungen und abstrakte Ideen sind die Belege viel unsicherer (Putnam, 2015).

Eine große Übersicht zu Lernmethoden beurteilte bildbasierte Methoden ähnlich. Schlüsselwort-Methode und bildliche Vorstellung von Texten wurden als wenig nützlich eingestuft, vor allem weil ihr Nutzen auf gut vorstellbares Material und Gedächtnistests begrenzt ist (Dunlosky et al., 2013).

Ein Gedächtnispalast kann tragen:

  • die Punkte eines Vortrags oder die Gliederung einer Klausurantwort
  • die Schritte eines Ablaufs in fester Reihenfolge
  • eine exakt wiederzugebende Liste, etwa die Phasen der Mitose

Er erklärt nicht, warum ein Mechanismus funktioniert, wie du eine Formel auf ein neues Problem anwendest oder zwei Theorien vergleichst. Dafür musst du den Stoff zuerst verstehen.

Bau einen Palast für eine Prüfung

  1. Lern den Stoff zuerst. Putnam (2015) beschreibt eine Lehrkraft, deren Lernende erst jedes Kapitel beherrschen und danach ein Schlüsselwort pro Hauptidee im Palast ablegen. Der Palast trägt die Gliederung, nicht das Wissen.
  2. Wähl eine geordnete Liste, die den Aufwand lohnt: Aufbau einer Klausurantwort, Prozessschritte oder acht Vortragspunkte.
  3. Wähl einen Weg mit klaren Stationen, eine pro Element. Fünf bis zehn reichen zum Start.
  4. Mach jedes Bild seltsam und konkret. Kein Buch auf dem Sofa, sondern ein Sofa, das unter einem Bücherberg versinkt.
  5. Geh den Weg aus dem Gedächtnis ab und prüf dich. Schreib die Liste aus dem Palast auf, vergleich sie mit deinen Notizen und reparier schwache Stationen. Wiederhol das an einem späteren Tag.
  6. Nutz den Palast erneut. Das Lernen eines Weges lohnt sich nur bei mehrfacher Nutzung.

Was wir nicht behaupten

  • Dass du damit ein Lehrbuch auswendig lernst. Gedächtnissportler trainieren jahrelang. Die Gruppe in der bekanntesten Trainingsstudie übte ungefähr 20 Stunden mit Wortlisten.
  • Dass die Methode Verständnis aufbaut. Sie hilft beim Abruf bereits verstandener Inhalte. Sie erklärt sie nicht.
  • Dass die genaue Effektgröße feststeht. Die Metaanalyse fand einen mittleren Effekt, doch die meisten Studien waren klein, nutzten kurze Listen und hatten ein hohes Verzerrungsrisiko.

FAQ

Was ist ein Gedächtnispalast?

Du stellst dir einen vertrauten Ort vor und legst Bilder der zu merkenden Dinge an Stationen eines Weges ab. Beim gedanklichen Rundgang kehren sie in derselben Reihenfolge zurück. Das heißt auch Loci-Methode.

Funktioniert die Methode wirklich?

Ja, für Listen. Studien mit Studierenden zeigen einen mittelgroßen Vorteil. Menschen mit sechs Wochen Training konnten ihren Abruf einer Wortliste mehr als verdoppeln. Für komplexe Kursinhalte sind die Belege viel schwächer.

Kann ich sie zum Lernen nutzen?

Nutze sie für geordnete Listen, die du bereits verstehst: Gliederung einer Klausurantwort oder Schritte eines Ablaufs. Lern Begriffe damit nicht erst kennen. Selbsttests und verteilte Wiederholung passen zu deutlich mehr Material.

Wie lange dauert das Lernen der Loci-Methode?

Einen kleinen Palast kannst du an einem Abend einrichten. Für Geschwindigkeit und Verlässlichkeit brauchst du Übung. In der Trainingsstudie übten Personen sechs Wochen lang täglich 30 Minuten.

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Quellen

  • Dresler, M., Shirer, W. R., Konrad, B. N., Müller, N. C. J., Wagner, I. C., Fernández, G., Czisch, M., & Greicius, M. D. (2017). Mnemonic training reshapes brain networks to support superior memory. Neuron, 93(5), 1227-1235.e6. doi.org/10.1016/j.neuron.2017.02.003
  • Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving students' learning with effective learning techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4-58. doi.org/10.1177/1529100612453266
  • Maguire, E. A., Valentine, E. R., Wilding, J. M., & Kapur, N. (2003). Routes to remembering: The brains behind superior memory. Nature Neuroscience, 6(1), 90-95. doi.org/10.1038/nn988
  • Putnam, A. L. (2015). Mnemonics in education: Current research and applications. Translational Issues in Psychological Science, 1(2), 130-139. doi.org/10.1037/tps0000023
  • Twomey, C., & Kroneisen, M. (2021). The effectiveness of the loci method as a mnemonic device: Meta-analysis. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 74(8), 1317-1326. doi.org/10.1177/1747021821993457

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