Mnemotechniken beim Lernen: Was wirkt und was verblasst

Akronyme, Schlüsselwort-Methode, Reime: Was die Forschung über Eselsbrücken sagt und wie sie bis zur Prüfung halten.

6 Min. LesezeitLernforschung

Manche Eselsbrücke aus der Schule sitzt noch immer. Jetzt verlangt dein Psychologiemodul die Big-Five-Persönlichkeitsmerkmale, im nächsten Semester kommen die Hirnnerven, und jemand aus deinem Kurs hat für alles einen Merksatz. Solltest du eigene bauen?

Manchmal. Die Forschung zu Mnemotechniken ist gemischter als ihr Ruf.

Mnemotechniken verbinden schwer merkbare Informationen mit etwas Einfachem, etwa einem Akronym, Reim oder lebhaften Bild. Sie können bei Listen und bereits verstandenen Vokabeln helfen. Die Belege für Akronyme sind aber gemischt, und manche Methoden wie die Schlüsselwort-Methode verblassen innerhalb einer Woche. Am besten nutzt du sie zusammen mit Selbsttests als Abrufhilfe.

Was zu Mnemotechniken zählt

  • Akronyme und Merksätze: Anfangsbuchstaben bilden ein Wort, etwa OCEAN für die Big Five, oder einen Satz.
  • Schlüsselwort-Methode: Für das französische la dent stellst du dir einen ähnlich klingenden „Dentisten“ vor, der einen riesigen Zahn hält.
  • Reime und Lieder: Merksprüche für die Anzahl der Tage eines Monats.
  • Orts- und Hakensysteme: der Gedächtnispalast oder eine feste Bilderliste, an die du Inhalte hängst.

Bellezza (1981) argumentierte, dass alle eine spätere Abrufhilfe liefern. Ein guter Hinweis muss leicht zu bilden, von anderen unterscheidbar und einfach mit dem Inhalt zu verknüpfen sein. Außerdem muss er eindeutig zu diesem einen Inhalt zurückführen. Scheitert eine Eselsbrücke, fehlt meist eine dieser vier Eigenschaften.

Was die Forschung zeigt

Akronyme: beliebt, aber gemischte Belege

Anfangsbuchstaben sind bei Studierenden am beliebtesten, komplexe Systeme wie der Gedächtnispalast am unbeliebtesten (Putnam, 2015). Putnams Übersicht fand für Akronyme gemischte Ergebnisse: Manche Studien zeigten keinen Vorteil, andere nur unter bestimmten Bedingungen. Ein Anfangsbuchstabe ist ein schwacher Hinweis. „O“ hilft nur, wenn du bereits weißt, dass „Offenheit“ gesucht ist.

Ein Unterrichtsbeispiel ist ermutigender. Psychologiestudierende bekamen eine Woche vor der Prüfung Akronyme wie OCEAN auf einem Übungsblatt. Wer angab, sie genutzt zu haben, erreichte bei den zugehörigen Fragen 70 %, ohne Nutzung waren es 56 % (Stalder, 2005, beschrieben in Putnam, 2015). Weil die Studierenden selbst entschieden, ist das kein Beweis. Die Akronyme halfen aber beim Zugang zu bereits gelerntem Wissen.

Schlüsselwort-Methode: zuerst stark, dann schnell schwächer

In der ersten großen Studie erreichten Studierende beim Lernen russischer Vokabeln mit Schlüsselwörtern 72 %, die Kontrollgruppe 46 % (Atkinson & Raugh, 1975).

Der Haken zeigte sich später. Wang, Thomas und Ouellette (1992) prüften manche Personen sofort, andere nach einer Woche. In vier Experimenten vergaß die Schlüsselwortgruppe über die Zeit mehr als die Gruppe mit einfachem Wiederholen. In einem Experiment wurden beide Gruppen zunächst auf dasselbe Niveau gebracht. Eine Woche später war die Wiederholungsgruppe besser. Ein möglicher Grund: Das Bild eines Dentisten mit Zahn kann später auf Zahn, Backenzahn, Zange oder Dentist verweisen.

Eine große Übersicht stufte die Schlüsselwort-Methode als wenig nützlich ein. Sie funktioniert bei bildlich darstellbaren Wörtern, braucht Zeit und hält möglicherweise nicht lange (Dunlosky et al., 2013). In einem direkten Vergleich war einfaches Abrufen ungefähr gleich gut und beim aktiven Hervorbringen von Wörtern besser (Fritz et al., 2007).

Reime und Lieder

Hier gibt es weniger Forschung. In einer Unterrichtsstudie lernten Studierende Statistikfakten mit musikalischen Jingles und waren im Kapiteltest besser als eine Gruppe, die die Fakten wiederlas (VanVoorhis, 2002, beschrieben in Putnam, 2015). Alte Merksprüche halten womöglich vor allem, weil du sie Hunderte Male abgerufen hast, nicht allein wegen des Reims.

Nutz Eselsbrücken als Abrufhilfe

  1. Versteh zuerst und ergänz danach die Eselsbrücke. Sie ist ein Weg zurück zum Wissen, kein Ersatz. Lern erst, was jedes Merkmal oder jeder Nerv tut, bevor du alles in Buchstaben komprimierst.
  2. Heb sie für beliebige Listen auf. Nutz sie dort, wo Reihenfolge oder Zusammenstellung keine eigene Logik haben: Hirnnerven, Big Five oder Mitosephasen.
  3. Ein Hinweis zeigt auf eine Sache. Könnte dein Bild drei Antworten meinen, mach es konkreter.
  4. Teste dich am selben Tag. Schreib aus der Eselsbrücke die vollständige Liste auf und prüf sie. Putnam (2015) empfiehlt direkt nach dem Lernen einen kurzen Test, um das Vergessen zu bremsen.
  5. Wiederhol später. Ruf an einem anderen Tag die vollständigen Begriffe ab, nicht nur das Akronym. Mehr über Spaced Repetition.

Was wir nicht behaupten

  • Dass Eselsbrücken von allein halten. Die Schlüsselwort-Methode verblasste innerhalb einer Woche schneller als einfaches Wiederholen. Lang haltende Merksätze sind wahrscheinlich diejenigen, die du weiter abrufst.
  • Dass Akronyme nachweislich immer helfen. Die Studien sind gemischt. Am nützlichsten scheinen sie als Hinweis auf bereits bekanntes Material.
  • Dass Mnemotechniken Verständnis aufbauen. Sie helfen bei Begriffen und Listen. Einen Mechanismus erklären oder ein neues Problem lösen sie nicht.

FAQ

Was sind Mnemotechniken?

Gedächtnishilfen, die Informationen mit etwas leichter Merkbarem verbinden: ein Wort aus Anfangsbuchstaben, ein Reim, ein lebhaftes Bild oder ein vertrauter Ort. Der Name stammt vom griechischen Wort für Gedächtnis.

Welche Beispiele gibt es?

OCEAN für die Big Five, Merksätze für Planeten oder Monate und das Bild eines Dentisten, um la dent als Zahn zu behalten.

Funktionieren Eselsbrücken wirklich?

Bei manchen Inhalten ja, besonders bei Listen und konkreten Vokabeln sowie bei Tests kurz nach dem Lernen. Über längere Zeiträume sind die Belege schwächer. Bei Vokabeln funktioniert aktives Abrufen mindestens ebenso gut. Beides zu verbinden ist sicherer.

Was ist die Schlüsselwort-Methode?

Beim Vokabellernen suchst du ein vertrautes Wort, das ähnlich klingt, und stellst beide Bedeutungen zusammen als Bild dar. Anfangs hilft das stark, in einigen Studien verblasste der Vorteil innerhalb einer Woche schneller als einfaches Wiederholen.

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Quellen

  • Atkinson, R. C., & Raugh, M. R. (1975). An application of the mnemonic keyword method to the acquisition of a Russian vocabulary. Journal of Experimental Psychology: Human Learning and Memory, 1(2), 126-133. doi.org/10.1037/0278-7393.1.2.126
  • Bellezza, F. S. (1981). Mnemonic devices: Classification, characteristics, and criteria. Review of Educational Research, 51(2), 247-275. doi.org/10.3102/00346543051002247
  • Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving students' learning with effective learning techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4-58. doi.org/10.1177/1529100612453266
  • Fritz, C. O., Morris, P. E., Acton, M., Voelkel, A. R., & Etkind, R. (2007). Comparing and combining retrieval practice and the keyword mnemonic for foreign vocabulary learning. Applied Cognitive Psychology, 21(4), 499-526. doi.org/10.1002/acp.1287
  • Putnam, A. L. (2015). Mnemonics in education: Current research and applications. Translational Issues in Psychological Science, 1(2), 130-139. doi.org/10.1037/tps0000023
  • Wang, A. Y., Thomas, M. H., & Ouellette, J. A. (1992). Keyword mnemonic and retention of second-language vocabulary words. Journal of Educational Psychology, 84(4), 520-528. doi.org/10.1037/0022-0663.84.4.520

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