Mit YouTube-Videos lernen statt sie nur anzusehen
Du verstehst das Video, kannst es später aber nicht erklären? So lernst du mit YouTube: pausieren, aktiv erinnern und später zurückkehren.
Die Erklärung deines Dozenten zum Gradientenverfahren war unverständlich, also hast du ein 20-minütiges YouTube-Video dazu gefunden. Es war großartig. Du hast jeden Schritt verstanden. Eine Woche später bittet dich ein Kommilitone, das Verfahren zu erklären, und du kommst nicht über den ersten Satz hinaus.
Wenn du mit einem YouTube-Video lernen willst, statt es nur anzusehen, halte alle paar Minuten an und sage oder schreibe aus dem Gedächtnis auf, was du gerade gehört hast. Kehre ein paar Tage später zurück und rufe es erneut ab, bevor du etwas noch einmal ansiehst. Beim Zuschauen wirkt alles klar. Durch aktives Erinnern bleibt es hängen.
Warum Zuschauen noch kein Lernen ist
Auf YouTube gibt es hervorragende Erklärungen. Das Problem sind nicht die Videos, sondern die Art, wie wir sie ansehen.
Klarheit fühlt sich wie Wissen an. Wenn jemand etwas gut erklärt, ergibt jeder Schritt Sinn. Dieses Gefühl von Klarheit lässt sich leicht mit Können verwechseln. Der Erklärung eines anderen zu folgen und sie selbst hervorzubringen sind verschiedene Fähigkeiten. In einem klassischen Experiment waren Studierende, die einen Text erneut lasen, am sichersten, dass sie ihn behalten würden. Eine Woche später erinnerten sie sich jedoch am schlechtesten daran (Roediger & Karpicke, 2006). Ein Video anzusehen funktioniert ähnlich wie erneutes Lesen.
Zuschauen besteht nur aus Aufnahme. Du musst nichts selbst aus dem Gedächtnis holen. Genau dieses Abrufen baut aber Erinnerungen auf. Studierende, die eine aufgezeichnete Vorlesung alle paar Minuten anhielten und das Gehörte abriefen, schweiften mit ihren Gedanken etwa halb so oft ab und erzielten im Abschlusstest bessere Ergebnisse als Studierende ohne solche Stopps (Szpunar, Khan & Schacter, 2013).
Ein Video-Marathon ist Bulimielernen. Eine ganze Reihe an einem Abend anzusehen, fühlt sich produktiv an. Dasselbe Material über mehrere Tage zu verteilen, führt zu deutlich besseren Erinnerungen, als alles zusammenzupacken (Cepeda et al., 2006).
Was funktioniert
- Starte mit einer Frage. Schreibe vor dem Abspielen auf, was du danach erklären können möchtest. "Wie entscheidet das Gradientenverfahren, in welche Richtung es geht?" ist besser als "Gradientenverfahren lernen".
- Pausiere alle 5 bis 10 Minuten und rufe das Gelernte ab. Sieh vom Bildschirm weg. Sage oder schreibe in eigenen Worten auf, was du gerade gehört hast. Wenn es nicht klappt, springe zu dieser Stelle zurück. Mehr zum Pausieren und Abrufen.
- Schreibe erst nach der Pause mit, nicht während das Video läuft. Wort für Wort mitzuschreiben ist nur eine langsamere Form des Zuschauens. Wenn du nach der Pause aus dem Gedächtnis in eigenen Worten schreibst, musst du entscheiden, was das Gehörte bedeutet (Fiorella & Mayer, 2016).
- Kehre nach ein paar Tagen zurück. Versuche erneut, den Inhalt aus dem Gedächtnis zu erklären, bevor du etwas noch einmal ansiehst. Sieh dir nur die Stellen an, an die du dich nicht erinnern konntest. Darum funktioniert verteiltes Lernen.
- Verbinde das Video mit deinem Kurs. Lege es zu der Vorlesung, den Folien und Texten, zu denen es gehört. So lernst du bei diesem Thema alles gemeinsam.
Was ist mit der Geschwindigkeit?
Bis zu 2x ist das Ansehen meistens kein Problem. In einer Studie der UCLA verstanden Studierende Vorlesungsvideos bei 2x fast so gut wie bei normaler Geschwindigkeit. Erst darüber zeigte sich ein deutlicher Rückgang (Murphy et al., 2022). Die Pausen sind wichtiger als das Tempo.
Wo Repeatica hilft
In Repeatica kann ein YouTube-Video im Bereich für dieses Fach neben Vorlesungsaufnahmen, PDFs und Notizen liegen. Du kannst Repeatica dazu Fragen stellen, zusammen mit allem anderen aus diesem Fach. Das Abrufen übernimmt Repeatica nicht für dich. Dieser Teil bleibt bei dir, denn genau dieser Teil wirkt.
Was wir nicht behaupten
- Dass Lernvideos Zeitverschwendung sind. Durch das Zuschauen begegnest du dem Stoff. Nur gefestigt wird er dabei noch nicht.
- Dass eine Zusammenfassung das aktive Erinnern ersetzt. Eine Zusammenfassung hilft dir bei der Orientierung. Sie zu lesen bleibt aber reine Aufnahme.
- Genaue Zahlen dazu, wie viel du vergisst. Das hängt vom Video, vom Thema und von deinem Vorwissen ab.
FAQ
Kann man mit YouTube wirklich lernen?
Ja, wenn du das Video als Erklärung nutzt und das Abrufen selbst übernimmst. Pausiere und erinnere dich während des Ansehens. Kehre ein paar Tage später noch einmal dazu zurück.
Wie mache ich am besten Notizen zu einem YouTube-Video?
Pausiere das Video und schreibe dann aus dem Gedächtnis in eigenen Worten. Notiere zu jedem Punkt den Zeitstempel, damit du direkt zu allem zurückspringen kannst, woran du dich nicht erinnern konntest.
Sollte ich YouTube-Videos mit 2x ansehen?
Bis zu 2x ist meistens in Ordnung, solange du folgen kannst. Werde bei dichten Stellen langsamer und pausiere in jedem Fall zum aktiven Erinnern.
Wie merke ich mir, was ich aus einem Video gelernt habe?
Rufe es ein paar Tage später aus dem Gedächtnis ab, bevor du das Video erneut ansiehst. Wiederhole das vor der Prüfung und prüfe jedes Mal, was dir gefehlt hat.
Weiterlesen
- Vorlesungen mit 2x ansehen: Tempo behalten, Pausen ergänzen
- Active Recall: die Lernmethode, die viele auslassen
- Was ist Spaced Repetition und warum funktioniert es?
Repeatica ist der Lernort mit einem KI-Agenten für Studierende. Sammle alles aus deinen Kursen an einem Ort. Repeatica bringt dich durch die Prüfung und sorgt dafür, dass du behältst, was du gelernt hast. Einmal lernen.
Quellen
- Cepeda, N. J., Pashler, H., Vul, E., Wixted, J. T., & Rohrer, D. (2006). Distributed practice in verbal recall tasks: A review and quantitative synthesis. Psychological Bulletin, 132(3), 354-380. doi.org/10.1037/0033-2909.132.3.354
- Fiorella, L., & Mayer, R. E. (2016). Eight ways to promote generative learning. Educational Psychology Review, 28(4), 717-741. doi.org/10.1007/s10648-015-9348-9
- Murphy, D. H., Hoover, K. M., Agadzhanyan, K., Kuehn, J. C., & Castel, A. D. (2022). Learning in double time: The effect of lecture video speed on immediate and delayed comprehension. Applied Cognitive Psychology, 36(1), 69-82. doi.org/10.1002/acp.3899
- Roediger, H. L., III, & Karpicke, J. D. (2006). Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention. Psychological Science, 17(3), 249-255. doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01693.x
- Szpunar, K. K., Khan, N. Y., & Schacter, D. L. (2013). Interpolated memory tests reduce mind wandering and improve learning of online lectures. PNAS, 110(16), 6313-6317. doi.org/10.1073/pnas.1221764110
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