Leitner-System: Lernen mit Karteikasten und Fächern
So sortiert das Leitner-System Lernkarten in Fächer, warum Selbsttests und Abstände wirken und was die Forschung zu Intervallen offenlässt.
Du hast 200 Anatomiekarten und in drei Wochen eine Klausur. Jeden Abend gehst du den ganzen Stapel durch. Sichere Karten kosten genauso viel Zeit wie schwierige, und am Ende der zweiten Woche sind dieselben zwanzig noch falsch.
Das Leitner-System löst dieses Problem mit einigen Fächern und einer Regel für den nächsten Platz jeder Karte.
Das Leitner-System plant die Wiederholung von Lernkarten mit mehreren Fächern. Eine richtig beantwortete Karte wandert ins nächste, seltener bearbeitete Fach. Eine falsche Karte geht zurück in Fach 1, das bei jeder Einheit dran ist. Die Methode verbindet Selbsttests mit zeitlich verteilten Wiederholungen.
Woher das System kommt
Der deutsche Wissenschaftsjournalist Sebastian Leitner beschrieb die Methode 1972 in So lernt man lernen. Sein ursprünglicher Kasten soll unterschiedlich große Fächer gehabt haben. Ein Fach wurde wiederholt, sobald es voll war. Heute nutzen viele feste Tage, zum Beispiel:
- Fach 1: täglich
- Fach 2: alle 3 Tage
- Fach 3: einmal pro Woche
Jede neue Karte beginnt in Fach 1. Richtige Antwort: ein Fach weiter. Falsche Antwort: zurück in Fach 1. Schwierige Karten kommen oft, leichte seltener. Keine verschwindet.
Warum es wirkt: zwei gut geprüfte Ideen
Leitner entwickelte seinen Kasten aus Erfahrung, nicht aus Laborstudien. Er verbindet aber zwei der am besten belegten Lernmethoden. Eine große Übersicht stufte Selbsttests und zeitlich verteiltes Lernen als besonders nützlich ein (Dunlosky et al., 2013).
Selbsttests
Jede Karte ist ein kleiner Test: Du erzeugst die Antwort, bevor du sie siehst. In einem Experiment lernten Studierende Swahili-Wörter. Nach einer ersten richtigen Antwort wurden manche Gruppen weiter abgefragt, andere nicht. Eine Woche später erinnerte die weiter geprüfte Gruppe ungefähr 80 % der Wörter, die andere ungefähr 35 % (Karpicke & Roediger, 2008). Zusätzliches Betrachten nach der ersten richtigen Antwort brachte nichts. Testen schon.
Das ist bei Lernkarten wichtig, weil Studierende vermeintlich sichere Karten gern aussortieren. In vier Experimenten hatte diese Möglichkeit kleine, aber beständig negative Auswirkungen auf das Lernen (Kornell & Bjork, 2008). Im Leitner-Kasten kommen sichere Karten seltener, bleiben aber im System.
Wiederholungen verteilen
Eine Metaanalyse von 317 Experimenten zeigte, dass zeitlich getrennte Einheiten besser wirken als geballte. Der beste Abstand wächst mit der gewünschten Behaltensdauer (Cepeda et al., 2006). In einer späteren Studie mit mehr als 1.350 Personen lag er für eine Prüfung in einer Woche bei ungefähr 20 bis 40 % der Zeit bis zur Prüfung, für eine Prüfung in einem Jahr bei 5 bis 10 % (Cepeda et al., 2008).
Auch Lernkarten zeigen das. Studierende lernten entweder mit einem großen oder vier kleinen Stapeln. Im großen Stapel kam jede Karte erst nach einem längeren Abstand zurück. Für 90 % der Personen funktionierte er besser. Nach der ersten Einheit glaubten trotzdem 72 %, die kleinen Stapel seien besser gewesen (Kornell, 2009). Abstände fühlen sich schlechter an und wirken besser.
Was offenbleibt: die genauen Intervalle
Keine Studie zeigt, dass Leitners Fächer oder der verbreitete Zeitplan mit 1, 2, 4 und 8 Tagen optimal sind. Für stetig wachsende Abstände sind die Ergebnisse gemischt. In drei Experimenten halfen wachsende Abstände bei einem Test zehn Minuten später. Bei einem Test nach zwei Tagen waren gleichmäßige Abstände besser. Am wichtigsten war der verzögerte erste Abruf, der etwas Anstrengung verlangte (Karpicke & Roediger, 2007).
Behandle die Intervalle als brauchbare Ausgangswerte und richte sie nach deinem Prüfungstermin.
Richte diese Woche einen Leitner-Kasten ein
- Eine Karte fragt eine Sache ab. „Was versorgt der Vagusnerv?“ funktioniert. „Erklär das Nervensystem“ nicht.
- Fang mit drei Fächern an. Schuhkartons, Umschläge oder Stapel mit Gummiband reichen. Nutz täglich, alle 3 Tage und wöchentlich.
- Antworte vor dem Umdrehen. Sag die Antwort laut oder schreib sie auf. Einfach umzudrehen und zu lesen ist Wiederlesen, kein Test.
- Sei streng. Halb richtig zählt als falsch. Die Karte geht zurück in Fach 1.
- Pass die Abstände an die Prüfung an. Bei zwei Wochen Restzeit bleiben sie kurz. Liegt die Abschlussklausur Monate entfernt, kann das letzte Fach alle zwei Wochen oder seltener drankommen.
- Behalte jede Karte bis zur Prüfung im System. Sortier sichere Karten nicht endgültig aus. Auch das letzte Fach wird wiederholt.
Was wir nicht behaupten
- Dass Leitners Intervalle optimal sind. Sie sind praktisch. Der beste Abstand hängt vom Prüfungstermin ab. Kein bestimmter Fächerplan ist nachweislich der beste.
- Dass Lernkarten Verständnis aufbauen. Sie eignen sich für Begriffe, Definitionen und Fakten. Für Mechanismen und Probleme brauchst du Fragen und Aufgaben.
- Dass das Sortieren der aktive Teil ist. Der Nutzen entsteht beim Abruf jeder Antwort. Ein Kasten voller Karten, die du nur liest, bringt wenig.
FAQ
Was ist das Leitner-System?
Eine Planung für Lernkarten mit mehreren Fächern. Richtige Karten wandern in ein selteneres Fach, falsche zurück ins erste. Sebastian Leitner beschrieb die Methode 1972.
Wie viele Fächer brauche ich?
Drei reichen zum Start, fünf sind verbreitet. Wichtiger als die Zahl sind echte Selbsttests und ein meistens eingehaltenes System.
Ist das besser, als täglich alle Karten zu lernen?
Du sparst Zeit bei sicheren Karten und investierst mehr in schwierige. Forschung zu Abständen und Tests spricht dafür, Wiederholungen zu verteilen. Sortier leichte Karten nur nicht ganz aus.
Wie oft wiederhole ich jedes Fach?
Ein üblicher Start ist Fach 1 täglich, Fach 2 alle paar Tage und Fach 3 wöchentlich. Bei einer Prüfung in einer Woche legt die Forschung Abstände von ungefähr ein bis drei Tagen nahe. Bei mehreren Monaten sind längere Abstände in Ordnung.
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Quellen
- Cepeda, N. J., Pashler, H., Vul, E., Wixted, J. T., & Rohrer, D. (2006). Distributed practice in verbal recall tasks: A review and quantitative synthesis. Psychological Bulletin, 132(3), 354-380. doi.org/10.1037/0033-2909.132.3.354
- Cepeda, N. J., Vul, E., Rohrer, D., Wixted, J. T., & Pashler, H. (2008). Spacing effects in learning: A temporal ridgeline of optimal retention. Psychological Science, 19(11), 1095-1102. doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02209.x
- Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving students' learning with effective learning techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4-58. doi.org/10.1177/1529100612453266
- Karpicke, J. D., & Roediger, H. L. (2007). Expanding retrieval practice promotes short-term retention, but equally spaced retrieval enhances long-term retention. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 33(4), 704-719. doi.org/10.1037/0278-7393.33.4.704
- Karpicke, J. D., & Roediger, H. L. (2008). The critical importance of retrieval for learning. Science, 319(5865), 966-968. doi.org/10.1126/science.1152408
- Kornell, N. (2009). Optimising learning using flashcards: Spacing is more effective than cramming. Applied Cognitive Psychology, 23(9), 1297-1317. doi.org/10.1002/acp.1537
- Kornell, N., & Bjork, R. A. (2008). Optimising self-regulated study: The benefits and costs of dropping flashcards. Memory, 16(2), 125-136. doi.org/10.1080/09658210701763899
- Leitner, S. (1972). So lernt man lernen. Herder.
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