Warum du vergisst · 01
Die Vergessenskurve: Warum Lernstoff verschwindet
In der Vorlesung verstanden, bis Freitag vergessen. Was Ebbinghaus' Vergessenskurve wirklich zeigt und wie du das Vergessen verlangsamst.
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In der Vorlesung hast du es verstanden. Die Erklärung war schlüssig, du hättest sie selbst wiedergeben können. Bis Freitag ist alles weg.
Die Vergessenskurve zeigt, wie schnell wir neue Inhalte vergessen, wenn wir nicht zu ihnen zurückkehren: Der größte Verlust passiert am ersten Tag, danach flacht die Kurve ab. Vergessen ist kein Versagen, sondern der Normalfall. Geh deine Notizen noch am selben Abend und einige Tage später erneut durch. So verlangsamst du das Vergessen jedes Mal.
Was Ebbinghaus herausfand
Der deutsche Psychologe Hermann Ebbinghaus führte 1885 eines der ersten Gedächtnisexperimente durch, und zwar an sich selbst. Er lernte Listen sinnloser Silben auswendig und lernte sie nach unterschiedlichen Abständen erneut: nach 20 Minuten, einer Stunde, ungefähr neun Stunden, einem Tag, zwei Tagen, sechs Tagen und einem Monat.
Er maß nicht, wie viel er wiedergeben konnte. Er maß, wie viel schneller das erneute Lernen beim zweiten Mal ging. Das nannte er Ersparnis. Nach 20 Minuten sparte er 58 % der ursprünglichen Lernzeit, nach einer Stunde 44 %, nach einem Tag 34 %, nach sechs Tagen 25 % und nach einem Monat 21 %.
Das ist die Vergessenskurve: erst ein steiler Abfall, dann ein langer flacher Auslauf. Von allem, was er über sechs Tage verlor, war ungefähr neun Zehntel schon am ersten Tag verschwunden.
Das Ergebnis hält stand. 2015 wiederholten Forschende das Experiment mit einer freiwilligen Person, die 70 Stunden lang lernte. Die Kurve war sehr ähnlich. Nach 24 Stunden zeigte sie sogar einen kleinen Sprung nach oben, wahrscheinlich durch den Schlaf in der Nacht (Murre & Dros, 2015).
Was die Kurve bedeutet und was nicht
Nützlich ist ihre Form: Direkt nach dem Lernen verlierst du am schnellsten am meisten. Deshalb können „Ich habe es in der Vorlesung verstanden“ und „Bis Freitag ist es weg“ gleichzeitig stimmen.
Die genauen Zahlen lassen sich nicht übertragen. Häufig heißt es, wir vergäßen „70 % in 24 Stunden“ oder „90 % in einer Woche“. Das beruht auf einer falschen Lesart von Ebbinghaus. Er war eine einzelne Person, lernte bedeutungslose Silben und maß die Zeit fürs erneute Lernen statt die Menge abrufbarer Inhalte. Deine Vorlesungsnotizen haben Bedeutung und knüpfen an Vorwissen an. Sie folgen deshalb nicht seinen Zahlen, wohl aber der Form seiner Kurve.
Was hilft: heute Abend und in ein paar Tagen zurückkehren
- Sieh dir heute Abend die heutigen Notizen an. Zehn Minuten reichen. Noch besser: Schließ sie zuerst, schreib auf, woran du dich erinnerst, und prüf es danach. Darum ist das besser als Wiederlesen.
- Dann noch einmal in ein paar Tagen. Versuch den Stoff wieder abzurufen, bevor du nachsiehst.
- Dann erneut vor der Prüfung. Je weiter die Prüfung entfernt ist, desto größer können die Abstände werden. So verteilst du die Wiederholungen.
Mit jeder Rückkehr hält das Gelernte länger, bevor es verblasst. Das ist der Abstandseffekt, eines der verlässlichsten Ergebnisse der Lernforschung: Dieselbe Lernzeit bleibt über mehrere Sitzungen verteilt deutlich besser im Gedächtnis als in einer einzigen langen Sitzung (Cepeda et al., 2006).
Was wir nicht behaupten
- „Du vergisst 70 % an einem Tag“ oder „90 % in einer Woche“. Diese Zahlen stammen nicht aus den Daten von Ebbinghaus und gelten nicht für bedeutungsvolle Inhalte.
- Dass alle Menschen gleich schnell vergessen. Das hängt vom Material, deinem Verständnis und deinem Vorwissen ab.
- Dass eine Wiederholung für immer reicht. Jede Rückkehr bremst das Vergessen. Du brauchst mehrere mit zeitlichem Abstand.
FAQ
Was ist die Vergessenskurve?
Sie zeigt, wie die Erinnerung an neue Inhalte mit der Zeit verblasst, wenn du nicht zu ihnen zurückkehrst. Hermann Ebbinghaus maß sie 1885. Am steilsten fällt sie in den ersten Stunden und am ersten Tag, danach flacht sie ab.
Wie schnell vergessen wir Gelerntes?
Direkt nach dem Lernen am schnellsten, später langsamer. Die genaue Geschwindigkeit hängt von Material und Person ab. Sei deshalb bei präzisen Prozentangaben vorsichtig. Das Muster ist beständig, die Zahlen sind es nicht.
Wie kann ich die Vergessenskurve überwinden?
Du kannst sie nicht stoppen, aber abflachen. Kehr noch am selben Tag zu neuen Inhalten zurück, dann einige Tage später erneut. Ruf den Stoff jedes Mal aus dem Gedächtnis ab, bevor du nachsiehst.
Warum vergesse ich Vorlesungsstoff so schnell?
Etwas während einer Erklärung zu verstehen ist nicht dasselbe, wie es dauerhaft zu speichern. Ohne erneuten Kontakt verblasst vieles innerhalb von ein oder zwei Tagen. Das ist normal und kein Zeichen dafür, dass du schlecht lernst.
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Quellen
- Cepeda, N. J., Pashler, H., Vul, E., Wixted, J. T., & Rohrer, D. (2006). Distributed practice in verbal recall tasks: A review and quantitative synthesis. Psychological Bulletin, 132(3), 354-380. doi.org/10.1037/0033-2909.132.3.354
- Ebbinghaus, H. (1885). Über das Gedächtnis (Memory: A Contribution to Experimental Psychology). Leipzig: Duncker & Humblot.
- Murre, J. M. J., & Dros, J. (2015). Replication and analysis of Ebbinghaus' forgetting curve. PLOS ONE, 10(7), e0120644. doi.org/10.1371/journal.pone.0120644
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