Du bist nicht allein · 07

Vor der Klausur durchmachen? Was du um 3 Uhr tust

Klausur um 9, um 3 noch am Lernen? Warum Schlaf zum Lernen gehört und was jetzt hilft: Buch zu, schlafen, morgens Kernpunkte prüfen.

5 Min. LesezeitLerngewohnheiten

Video auf Englisch

Es ist drei Uhr nachts. Die Statistikklausur beginnt um neun. Du hast um elf angefangen, und jedes „nur noch ein Kapitel“ hat ein Stück der Nacht genommen. Ein Kapitel fehlt noch. Du denkst: eins geht noch.

Wenn die Klausur morgen ist, schließ das Buch und schlaf. Ein müdes Gehirn nimmt neue Inhalte schlecht auf, und Schlaf hilft dabei, bereits Gelerntes zu behalten. Stell den Wecker etwas früher als sonst und nutz den Morgen nur für die Kernpunkte.

Du bist nicht allein

Schau in der Prüfungsphase um drei Uhr nachts aus dem Fenster. Überall brennt Licht. Fast jeder macht irgendwann eine Nacht durch, meist nicht geplant, sondern Kapitel für Kapitel.

Was gerade passiert

Um drei Uhr bleibt wenig hängen.

Ein Gehirn ohne Schlaf nimmt Neues schlechter auf. In einer Laborstudie erinnerten sich Menschen nach einer durchwachten Nacht an weniger neue Bilder als ausgeschlafene Personen (Yoo et al., 2007). Eine Übersicht vieler Studien fand dasselbe Muster: Eine verlorene Nacht vor dem Lernen schadete dem Gedächtnis. Schlafverlust nach dem Lernen schadete ebenfalls, aber etwas weniger (Newbury et al., 2021). Das Kapitel um drei ist also besonders schwer zu speichern. Gleichzeitig lässt du den Schlaf aus, der die früheren Kapitel gefestigt hätte.

Dieser zweite Teil wird oft übersehen. Schlaf ist keine Pause vom Lernen. Währenddessen verarbeitet dein Gehirn den Stoff des Tages und hilft, ihn zu behalten (Diekelmann & Born, 2010). Im Schlaf setzt sich das Gelernte.

Der Haken: Wenn du erschöpft bist, überschätzt du dich. In einem älteren Experiment schnitten Studierende nach einer durchwachten Nacht bei einem Denktest schlechter ab als ausgeschlafene Personen. Trotzdem bewerteten sie ihre eigene Konzentration und Anstrengung höher und erwarteten bessere Ergebnisse (Pilcher & Walters, 1997). „Mir geht es gut, nur noch ein Kapitel“ klingt genau so, wie Müdigkeit klingt.

Das zeigt sich auch im Alltag. Eine Tagebuchstudie begleitete mehr als 500 Schülerinnen und Schüler jeweils zwei Wochen lang. Nach Tagen, an denen sie länger als üblich fürs Lernen wach geblieben waren, berichteten sie von mehr Verständnisproblemen im Unterricht und mehr Schwierigkeiten bei Tests und Hausaufgaben, nicht weniger (Gillen-O'Neel, Huynh & Fuligni, 2013). Es waren keine Studierenden, aber das Muster passt.

Ein Plan für heute Nacht

  1. Schließ das Buch. Für heute ist der aktuelle Stand genug.
  2. Stell den Wecker etwas früher als sonst. Plane Frühstück und eine halbe Stunde für Kernpunkte ein.
  3. Schlaf. So viel, wie die Nacht noch hergibt.
  4. Morgens nur Kernpunkte. Pro Thema die drei wahrscheinlichsten Dinge: eine Definition, eine Formel, ein Aufgabentyp. Keine neuen Kapitel.
  5. Geh zur Klausur.

Klausur um neun. Nur die Kernpunkte.

Was wir nicht behaupten

  • Dass Durchmachen dein Gedächtnis „40 % schlechter“ macht. Diese Zahl steht oft im Netz, stammt aber nicht aus der Studie, der sie gewöhnlich zugeschrieben wird. Sie verbindet eine Formulierung aus einer Pressemitteilung mit einer kleinen, unveröffentlichten Studie. Wir verwenden sie nicht.
  • Dass du acht Stunden oder gar nicht schlafen musst. Die Forschung vergleicht Schlaf mit keinem Schlaf. Nimm, was die Nacht noch bietet.
  • Dass eine Nacht deine Note entscheidet. Bei Studierenden des MIT hing der Schlaf über das ganze Semester mit besseren Noten zusammen, der Schlaf in der einzelnen Nacht vor einem Test nicht (Okano et al., 2019). Heute Nacht ist nicht alles. Die Stunden, die du jetzt wach bleibst, gehören trotzdem zu den am wenigsten wirksamen.
  • Medizinische Beratung. Wenn du häufig nicht schlafen kannst oder Prüfungen regelmäßig deine Nächte zerstören, sprich mit der Studienberatung oder einer Ärztin beziehungsweise einem Arzt.

FAQ

Sollte ich vor einer Klausur durchmachen?

Meist lohnt es sich nicht. Neue Inhalte bleiben erschöpft schlechter hängen, und Schlaf hilft beim Festigen des bereits Gelernten. Schließ das Buch, schlaf und prüf morgens die Kernpunkte.

Ist Schlafen oder Lernen in der Nacht davor besser?

Schlafen. Spät in der Nacht bleibt Neues schlecht hängen, während Schlaf bereits Gelerntes festigt. Eine kurze Wiederholung der Kernpunkte am Morgen nutzt die Zeit besser als ein weiteres Kapitel nachts.

Sind drei Stunden Schlaf besser als gar keiner?

Die gelesenen Studien vergleichen eine Nacht Schlaf mit keinem Schlaf, nicht kurze Nächte mit gar keinem. Sie zeigen aber, dass Schlaf nach dem Lernen beim Behalten hilft. Nimm deshalb den Schlaf, den die Nacht noch zulässt.

Was soll ich am Abend vor einer Klausur tun?

Hör zu einer vernünftigen Zeit mit neuen Inhalten auf. Schreib die unsicheren Kernpunkte auf oder prüf sie und geh schlafen. Morgens siehst du nur diese Punkte an.

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Quellen

  • Diekelmann, S., & Born, J. (2010). The memory function of sleep. Nature Reviews Neuroscience, 11(2), 114-126. doi.org/10.1038/nrn2762
  • Gillen-O'Neel, C., Huynh, V. W., & Fuligni, A. J. (2013). To study or to sleep? The academic costs of extra studying at the expense of sleep. Child Development, 84(1), 133-142. doi.org/10.1111/j.1467-8624.2012.01834.x
  • Newbury, C. R., Crowley, R., Rastle, K., & Tamminen, J. (2021). Sleep deprivation and memory: Meta-analytic reviews of studies on sleep deprivation before and after learning. Psychological Bulletin, 147(11), 1215-1240. doi.org/10.1037/bul0000348
  • Okano, K., Kaczmarzyk, J. R., Dave, N., Gabrieli, J. D. E., & Grossman, J. C. (2019). Sleep quality, duration, and consistency are associated with better academic performance in college students. npj Science of Learning, 4, 16. doi.org/10.1038/s41539-019-0055-z
  • Pilcher, J. J., & Walters, A. S. (1997). How sleep deprivation affects psychological variables related to college students' cognitive performance. Journal of American College Health, 46(3), 121-126. doi.org/10.1080/07448489709595597
  • Yoo, S.-S., Hu, P. T., Gujar, N., Jolesz, F. A., & Walker, M. P. (2007). A deficit in the ability to form new human memories without sleep. Nature Neuroscience, 10(3), 385-392. doi.org/10.1038/nn1851

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