Du bist nicht allein · 03

Handy lenkt beim Lernen ab? Schalt es vorher lautlos

Auch ein ignoriertes Vibrieren zieht Fokus ab. Was Forschung zu Benachrichtigungen zeigt und welcher eine Schritt vor dem Lernen hilft.

5 Min. LesezeitLerngewohnheiten

Video auf Englisch

20:05 Uhr. Dein Handy vibriert auf dem Schreibtisch. Du fasst es nicht an. Du drehst es nicht einmal um. Gut.

Nur liest du jetzt zum vierten Mal, dass der Versailler Vertrag Deutschland die Schuld am Krieg gab. Ein Teil von dir fragt sich noch immer, wer geschrieben hat.

Wenn dein Handy dich beim Lernen ablenkt, stell es vor dem Start lautlos: Aktivier „Nicht stören“ und leg es in die Tasche. Auch ein Vibrieren, auf das du nie reagierst, zieht Aufmerksamkeit ab. Am besten entsteht es gar nicht erst.

Du bist nicht allein

Das ist keine schwache Willenskraft. Du hast den schweren Teil geschafft und nicht nachgesehen. Das Vibrieren hatte deine Aufmerksamkeit schon vorher genommen.

Was passiert

Jede Benachrichtigung zieht dich etwas heraus, auch wenn du sie ignorierst.

In einer Laborstudie der Florida State University bearbeiteten 166 Studierende eine Aufgabe mit dauerhafter Aufmerksamkeit. Manche erhielten zwischendurch Anrufe oder Nachrichten auf dem eigenen Handy. Sie antworteten nicht, und wer das Handy berührte, wurde aus der Auswertung ausgeschlossen. Bei klingelnden oder vibrierenden Handys traten mehr Fehler auf als bei stillen Geräten. Anrufe wirkten am deutlichsten (Stothart, Mitchum & Yehnert, 2015). Es ist eine einzelne Studie, beschreibt den Moment aber genau: nicht nachgesehen, trotzdem Konzentration verloren.

Die Lösung wurde auch im Alltag geprüft. 221 Studierende verbrachten eine Woche mit „Nicht stören“ und einem außer Sicht liegenden Handy, etwa in der Tasche. In einer anderen Woche waren Benachrichtigungen an und das Gerät griffbereit. In der ruhigen Woche berichteten sie von weniger Unaufmerksamkeit (Kushlev, Proulx & Dunn, 2016). Der Unterschied war mäßig und beruhte auf Selbstauskünften, kommt der vorgeschlagenen Lösung aber sehr nahe.

Ein Vibrieren zieht wenig. Sechs pro Stunde summieren sich. Warte nicht auf das erste.

Stell es vor dem Lernen lautlos

  1. Aktivier „Nicht stören“ oder einen Fokusmodus, bevor du das Buch öffnest. Musst du erreichbar sein, erlaub Anrufe von ein oder zwei Personen.
  2. Leg das Handy in die Tasche. Nicht mit dem Display nach unten auf den Tisch. Außer Reichweite gibt es keinen schnellen Blick und kein Leuchten am Rand deines Sichtfelds.
  3. Entscheide, wann du nachsiehst. Die nächste Pause ist ein guter Zeitpunkt. So oft solltest du Pause machen.
  4. Fang an.

20:05 Uhr. Kein Vibrieren. Nächste Seite.

Was wir nicht behaupten

  • Dass ein lautloses Handy auf dem Tisch dein Gehirn auslaugt. Eine Studie von 2017 machte diese Aussage bekannt (Ward et al.). Größere Wiederholungen fanden keinen Effekt (Hartmann et al., 2020; Ruiz Pardo & Minda, 2022), und eine Übersicht fand nur begrenzte Unterstützung (Parry, 2024). Die Tasche entfernt Vibrieren und schnellen Zugriff, nicht die bloße Nähe.
  • Dass du nach einer Benachrichtigung 23 Minuten für neuen Fokus brauchst. Die Zahl stammt aus einer Studie mit Büroangestellten. Gemessen wurde die Zeit bis zur Rückkehr zu einer unterbrochenen Aufgabe, meist nachdem zwei andere Dinge erledigt wurden (Interview mit Gloria Mark bei Gallup, 2006). Das ist nicht der Preis eines Vibrierens.
  • Dass du handysüchtig bist. Sich zu fragen, wer geschrieben hat, ist normal. Mach es dir leicht, gar nicht erst fragen zu müssen.

FAQ

Warum kann ich beim Lernen nicht aufhören, aufs Handy zu sehen?

Weil es griffbereit ist und ständig fragt. Nachsehen lässt sich leichter verhindern als widerstehen. In Feldexperimenten erreichten Studierende mit vorbereiteter Umgebung, etwa einem weggelegten Handy, mehr Lernziele als Personen, die Versuchungen im Moment widerstehen sollten. Warum Umgebung Willenskraft schlägt.

Wohin mit dem Handy beim Lernen?

Mit „Nicht stören“ in die Tasche oder in einen anderen Raum. Dorthin, wo du kein Leuchten siehst und zum Greifen aufstehen müsstest.

Stören Benachrichtigungen, wenn ich sie nicht öffne?

In der Studie aus Florida ja. Nach Klingeln oder Vibrieren machten Studierende mehr Fehler, obwohl sie das Handy nie berührten. Anrufe hatten einen klareren Effekt als Nachrichten.

Sollte ich das Handy ganz ausschalten?

Wenn du kannst, gern. Musst du für einige Personen erreichbar bleiben, erfüllt „Nicht stören“ denselben Zweck.

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Quellen

  • Duckworth, A. L., White, R. E., Matteucci, A. J., Shearer, A., & Gross, J. J. (2016). A stitch in time: Strategic self-control in high school and college students. Journal of Educational Psychology, 108(3), 329-341. doi.org/10.1037/edu0000062
  • Hartmann, M., Martarelli, C. S., Reber, T. P., & Rothen, N. (2020). Does a smartphone on the desk drain our brain? No evidence of cognitive costs due to smartphone presence in a short-term and prospective memory task. Consciousness and Cognition, 86, 103033. doi.org/10.1016/j.concog.2020.103033
  • Kushlev, K., Proulx, J., & Dunn, E. W. (2016). "Silence your phones": Smartphone notifications increase inattention and hyperactivity symptoms. Proceedings of CHI 2016, 1011-1020. doi.org/10.1145/2858036.2858359
  • Parry, D. A. (2024). Does the mere presence of a smartphone impact cognitive performance? A meta-analysis of the "brain drain effect". Media Psychology, 27(5), 737-762. doi.org/10.1080/15213269.2023.2286647
  • Ruiz Pardo, A. C., & Minda, J. P. (2022). Reexamining the "brain drain" effect: A replication of Ward et al. (2017). Acta Psychologica, 230, 103717. doi.org/10.1016/j.actpsy.2022.103717
  • Stothart, C., Mitchum, A., & Yehnert, C. (2015). The attentional cost of receiving a cell phone notification. Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 41(4), 893-897. doi.org/10.1037/xhp0000100
  • Ward, A. F., Duke, K., Gneezy, A., & Bos, M. W. (2017). Brain drain: The mere presence of one's own smartphone reduces available cognitive capacity. Journal of the Association for Consumer Research, 2(2), 140-154. doi.org/10.1086/691462

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